
Die indirekte Rede und die Zeitenfolge werden in anderen
Grammatiken in getrennten Kapiteln behandelt. Diesem Vorgehen
werden wir nicht folgen, denn nach Ansicht der Autoren
sind die indirekte Rede und die Zeitenfolge lediglich
zwei Seiten derselben Medaille.
Die indirekte Rede ist im Englischen, im Gegensatz zum
Deutschen (!), nur ein Sonderfall der consecutio temporum
im Allgemeinen. Im Deutschen macht es Sinn, zwischen der
indirekten Rede und der Zeitenfolge im Allgemeinen zu
trennen, weil im Deutschen hinter der indirekten Rede
und der Zeitenfolge eine ganz andere Philosophie steckt.
Im Englischen (wie auch im Französischen) besteht
dieser Unterschied aber nicht. Wir werden jetzt diese
stilistisch hübschen aber etwas dunklen Bemerkungen
hinter uns lassen und mal erklären, um was es geht,
so ganz konkret.
Die Handlungen der realen Welt rollen auf einer Zeitschiene
ab, die eine folgt auf die andere. (Boah, das ist ja
fast wie bei Wittgenstein, "die Welt ist, was der
Fall ist" etc..) Ok, also diese Erkenntnis war
noch nicht wirklich bahnbrechend. In einem Satz wie
"Sie verliebten sich, heirateten und ließen
sich wieder scheiden" folgen die Handlungen aufeinander.
Das ist also wirklich trivial. Das Problem besteht nun
darin, zumindest im Englischen, dass der chronologisch
korrekte Ablauf der Handlungen auch dann korrekt widerzugeben
ist, wenn die Handlungen in der Vergangenheit mental
durchdrungen werden. (Ich weiß, was Sie denken,
ich weiß, ich weiß, "wat den dat fürn
Quark", nu mal langsam, ja, alter Mann ist kein
D-Zug!) Betrachten wir mal folgende Sätze.
a) Ich dachte, er sei in die Schule gegangen.
b) Ich dachte, er wäre in die Schule gegangen.
c) Ich dachte, er ginge in die Schule.
d) Ich dachte, er gehe in die Schule.
e) Ich dachte, er würde in die Schule gehen.
Und? Irritiert Sie etwas? Wann verdammt nochmal ist
denn der Bengel meiner Meinung nach in die Schule gegangen?
Zu einem Zeitpunkt, bevor ich es dachte, im gleichen
Moment, in dem ich es dachte, oder nachdem ich es dachte?
Das Problem besteht darin, dass der deutsche Weg nicht
wirklich genial ist. Das Deutsche wählt in so einem
Fall den Konjunktiv, der nach Aussagen aller Grammatiken
ja Distanziertheit oder Unsicherheit in Bezug auf die
geschilderten Verhältnisse ausdrückt. Leider
muss man aber nicht nur Unsicherheit und Distanz ausdrücken
(was man übrigens auch lassen kann, und das Englische
verzichtet darauf), sondern auch die Zeitschiene. Das
kann der deutsche Konjunktiv, aufgrund des morphologischen
Chaos, wir kommen darauf gleich zurück, aber kaum
leisten. Das Deutsche versucht also gleichzeitig Unsicherheit,
Distanz und den chronologischen Ablauf auszudrücken.
Wie die oben gezeigten Beispiele zeigen, wird das System
dann aber unklar. Das deutsche System ist also wirr,
gutmeinende Zeitgenossen würden sagen, gescheitert
auf hohem Niveau. Die chronologische Abfolge der Ereignisse,
die zu einem Zeitpunkt imaginiert wurden, der nicht
mit der Gegenwart desjenigen übereinstimmt, der
die Handlungen erzählt oder mental durchdringt,
kann das Deutsche nur noch sehr schwach ausdrücken;
kommt es auf die chronologische Darstellung der Ereignisse
in dieser Situation wesentlich an, dann muss mit einer
adverbialen Bestimmung präzisiert werden.
Nach einer gründlichen Reflexion, würden
Deutsche unter Umständen die Zeitschiene folgendermaßen
beurteilen. Bei a) ist er in die Schule gegangen, bevor
der andere darüber nachdachte. Bei b) , c), d)
geht er in dem Moment in die Schule, als der andere
darüber nachdenkt. Bei e) wird er in die Schule
gehen, nachdem der andere darüber nachdenkt. Über
das morphologische Wirrwarr in den Sätzen b) ,
c) und d) werden wir uns gleich unterhalten. Ob es eine
brillante Idee unserer germanischen Urfahren war, an
dieser Stellen den Konjunktiv zu verwenden, lassen wir
dahingestellt. Sollten Sie anderer Meinung sein, machen
Sie am besten eine Umfrage. Sollten die Meinungen auseinander
gehen, sind wir uns einig. Das Deutsche kann die chronologischen
Verhältnisse nur sehr schwach zum Ausdruck bringen.
Die romanischen Sprachen konstruieren so.
Vorzeitig : a) Ich dachte, er war in die Schule gegangen.
gleichzeitig: b) Ich dachte, er ging in die Schule.
nachzeitig: c) Ich dachte, er würde in die Schule
gehen.
Es geht also sowohl bei der indirekten Rede wie auch
bei Verben der mentalen Durchdringung um das gleiche
Problem. Wir werden in den folgenden Kapiteln schildern,
wie das Englische das Problem gelöst hat.
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